Die wütende Wut


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Das Wochentipp – Thema:
Die wütende Wut

Kein Mensch fasst willentlich den Entschluss, sich zu ärgern;
niemand denkt: „Jetzt will ich wütend werden.“
Ebenso wenig plant die Wut ihr Entstehen.
© Dalai Lama (*1935), (Das Lächeln des Himmels), 14. geistiges und politisches Oberhaupt der Tibeter, (Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis Seiner Heiligkeit)

Kuchen backen ist eine meiner Leidenschaften und dazu neue Rezepte auszuprobieren, einfach nur frohsinnig köstlich.
Dumm nur, wenn wie mir passiert ich mich körperlich nicht so dolle fühle und ich mir das nicht eingestehe und darüber hinaus eine Zusage für einen Kuchen zum Mitbringen gemacht habe. Mein vernünftiger Verstand flüsterte – mache einen Blechkuchen, den kannst du gut und der geht schnell. Meine unvernünftigen Gedanken schwirrten und raunten beharrlich – ich will aber die Bananenschnitte ausprobieren, ich will das machen…
Mein Gefühl unterstützte wohlwollend meinen Verstand, nur mein gieriges, trotziges Ego

„Ich will aber die Bananenschnitte backen“ – siegte.

Ich sag es euch, es ist immer besser auf sein Gefühl plus seinen Verstand zu hören, wenn diese beiden sich schon mal so harmonisch zeigen. Aber nein, Madame musste ja ihrem Ego-Willen folgen und schon hatte ich mir einen Wust von Ärger eingehandelt, welcher in einer wütenden Attacke voll gegen mich selbst endete.

a)    Das neue Rezept enthielt falsche Mengenangaben, die ich noch nicht einmal hinterfragte, obwohl diese mir vom Gefühl her komisch vorkamen. Nur meine Geisteskraft war träääääge.

b)    Hier versaute ich mir den gesamten Teig, weil ich fröhlich alles missachtend ohne zu prüfen nach Rezept-Anweisung abarbeitete. Die Küche sah aus wie ein Schlachtfeld. Der Teig quoll lustig über den Backblechrand hinüber und mein Liebster durfte noch unter den Geschirrspüler mit viel Hilfswerk die Teigreste herauswischen.

Meine Wut kochte ab hier langsam aber stetig hoch.
Ein Schuldiger musste her, aber sofort bitte schön!
Schuldzuweisung damit kenne ich mich bestens aus, das Spiel beherrsche elegant. Meine sanfte Stimme schnurrte meinem ahnungslosen Gatten entgegen: „Du hast doch das Rezept auch gelesen und wieso hast du mich denn nicht gewarnt?“
Der konterte zurück mit „Habe ich doch, nur du wolltest es doch so backen und außerdem, such dir einen anderen dem du die Schuld für deinen Fehler dafür zuweisen kannst.“

Scheibenhonig – Spiel mit Gegenspieler – Ich wusste er hatte Recht und ich kochte mühselig langsam runter auf Normaltemperatur, denn ich erfasste es nur zu gut, die einzige auf die ich hier wütend war – war ich selbst – und dass die Wut immer stärker zugenommen hatte, lag an meinem zunehmend befeuerten, wertenden Gedankengewusel…

c)    Gruselig, das Dilemma ging weiter: Auch bei der Creme merkte ich sofort, ich müsste hier für Stabilität sorgen, hatte aber keinen richtigen Drive mir darum Gedanken zu machen und hoffte es würde schon werden.
Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
Der berühmte Satz mit x, denn das war wohl nix, die Creme wurde lecker, cremig, flüüüüssig, und ich hätte am liebsten Gott und die Welt dafür verantwortlich gemacht und meine „hilflose“ Wut auf mich war das schlimmste – Also aushalten, bewusst machen, atmen, fluchen – die ganze Palette…
Erkennen, einsichtig sein und annehmen dessen was ist, ist das einzige, was schlussendlich hilft …

Hätte hätte Fahrradkette – mein „wütend werden“ wäre vermeidbar gewesen, wenn ich von Anfang an auf mich vertrauensvoll gehört hätte und statt mich im Vorfeld sachkundig zu machen, habe ich einfach gedankenlos drauf los gemacht – der Preis war ein wütender Schlagabtausch zwischen mir und meinem Ehegemahl und es wäre allemal besser gewesen dies bei der Creme abzuarbeiten, statt bei meinem Herzallerliebsten und meinen Selbstvorwürfen.
Aber dafür habe ich jetzt ein erquicklich beschwingtes  Wochentipp-Thema namens „Wut“.
Ob die Bananenschnitte geschmeckt hat?
Ja, das hat sie und sie war verdammt köstlich und zur Info: Demnächst werde ich die Creme-Rezeptur nach meinem Gusto neu überarbeiten …

Was eigentlich ist Wut?

Die Emotion Wut ist genau wie Freude, Trauer, Angst oder Schmerz eine Empfindung, eine seelische Bewegung, eine psychische Erregung, eine Gemütsbewegung.
Wut und Ärger entstehen im Kopf und mein Zünder ist mein negatives unbewusstes Wertesystem.
Wut ist per se für mich heute eine positive seelische Empfindung, denn sie zeigt mir sehr deutlich, wo meine persönlichen Grenzen überschritten werden. Wut schreit förmlich in mir nach dem Stopp – bis hierher und keinen Schritt weiter – oder nach einer klaren Ansage, welche das Wörtchen Nein beinhaltet.
Die Wut kann ich einerseits selbst verursachen, siehe meine Kuchenbackarie, da habe ich mich selbst verletzt, weil ich nicht auf mich hören wollte und ich wurde wütend. Andererseits wer kennt dies nicht, ein wunderbarer Parkplatz wird einem vor der Nase weggeschnappt und schon kriecht die Wut in einem hoch.
Herzliche Grüße dazu vom sympathischen Nervensystem.
Zum Beispiel trägt das Ausschütten des Stresshormons Adrenalin dazu bei, uns auf den „Kampf“ oder auf die „Flucht“ vorzubereiten. Das treibt den Puls und den Blutdruck locker in die Höhe, die Muskeln spannen sich an und weil unsere Blutgefäße stärker durchblutet werden, wird uns bei einer Wutattacke auch noch warm.
Immerhin hat dieses uralte Schutzprogramm unsere Vorfahren vor vielen Gefahren geschützt.

Wer Wut abscheulich findet und diese Zeit seines Lebens verleugnet, hat gute Chancen depressiv zu werden, auch habe ich oft bei Menschen, die ihre Wut verneinen oder zurückhalten bemerkt, dass diese irgendwann durch ein aggressives Verhalten auffallen, welches sich dann bis hin zu Gewalttaten steigern kann. Wer seine Wut nicht anerkennt, neigt auch gerne mal dazu kleine hinterhältige Gemeinheiten von sich zu gegeben oder auch auszuüben…
In vielen Büros konnte ich die Masken von lächelnden Gesichtern nach vorne und boshaftem Treiben hintenherum gut miterleben.

Wut wird gerne mit Aggression verwechselt.
Sie sind sich halt schon sehr ähnlich und auch ich muss immer schön achtsam sein und in mich hineinspüren, um die beiden unterscheiden zu können.
– Wut ist für mich eine erlebte, mitfühlende Emotion, die mich darauf aufmerksam macht, dass das was mir zu diesem Zeitpunkt wichtig ist, verletzt wird und eine Grenze überschritten wird.
Hier bin ich durch meine hochflammende Wut innerlich wie verstört und verletzt, weil z. B. ein anderer eine gegen mich gerichtete kränkende Äußerung machte.
Meine Wut, mein Ärger, mein Zorn, mein Verdruss verletzt mich.

– Aggression, aggressives Verhalten wie z. B. Jähzorn will einen anderen verletzen und wenn aggressives Verhalten noch so richtig schön gedanklich angeheizt wird, landen wir schnell bei der Gewalt.
Menschen mit einem sehr geringen eigenen Selbstwertgefühl sind anfälliger für Wut und Aggression, die in Gewalt mündet. Gewalt muss nicht immer körperlich sein, Gewalt kann auch auf der emotionalen Ebene verbal ausgeübt werden.

Wut verschwindet nicht einfach mal so auf Knopfdruck, aber jeder darf für sich lernen mit seiner Wut konstruktiv umzugehen und auch lernen diese angemessen auszudrücken damit sie sich von der lauernden, nachfolgenden Aggression schon im Vorfeld abgrenzt.
Ich selbst habe viel Zeit benötigt um mich meiner Wut bewusst zu stellen, denn es ist dabei ja ein Konglomerat von unterschiedlichen anderen Gefühlen mit am Werke, wie Angst, Enttäuschung, Ohnmacht, durcheinander zu sein, verletzt zu sein und Schmerz. Der von mir erlebte psychische Druck oder ein von mir als verwerflich empfundenes Erlebnis müssen erst einmal wahrgenommen werden. Es war mein Widerstand gegen mein „bewusstes Fühlen“, denn dieses Hineinspüren löst Schmerz aus.
Schmerz ist ein weiteres Wochentipp-Thema und dazu dann mehr…

Denn wenn ich mein wütendes Wutgefühl wahrnehme und anerkennend annehme, habe ich eine reale Chance gesund mit meiner Emotion der Wut umzugehen.
Es braucht Zeit, viel Zeit sich kennen zu lernen und mitzubekommen, was ist Wut, was ist Aggression, was sind meine Gedanken, was trage ich schon seit Kindheitstagen an unbewältigtem Gedankenmüll und Gefühlsstress mit mir herum, was denke ich und wie verhalte ich mich, vor allem wie bewerte ich was in meinem Leben, denn dieses Bewerten lässt mich ja erst wütend werden.

Meine Lieben, nehmt euch die Zeit herauszufinden, was euch da in welcher Konstellation auch immer so aufwallend wütend macht.
Ich liebe es Stopp-Schilder in meinem Gedanken-Gemenge zu platzieren, damit gewinne ich Zeit und Klarheit um die Lage zu analysieren, um das zu ergründen, was mich da wirklich gerade so wütend gemacht hat.
Ent-Täuschung heißt einer meiner mich oft begleitenden Gefühls-Bewacher, denn wenn ich bemerke, was wahrhaftig los ist, bekomme ich mit, dass ich nicht wütend auf irgendwelche Personen oder mich selbst bin, sondern erkenne und spüre, dass ich hilflos bin, weil ich vielleicht keine Lösung habe oder eine Situation einfach so hinnehmen muss, wie sie sich mir präsentiert.
Sich hilflos fühlen, kann Angst auslösen…

Mir persönlich gefallen Atemübungen am besten, wie z.B. drei Sekunden einatmen, vier Sekunden die Luft anhalten und sechs Sekunden ausatmen.
Das ganze so oft wiederholen bis ich wieder „ruhig und klar“ bei mir angelangt bin.

Es gibt für den zwanglosen Umgang mit seiner Wut sehr viele gute Ansätze.

•    Zum Beispiel, sich selbst nicht mehr so ernst zu nehmen.
•    Humor und Lachen sind super Unterstützer.
•    Es gibt viele gute Atemübungen zum tief Durchatmen.
•    Da Wut und Ärger im Kopf entstehen, erst einmal abwägen, ob es die Begebenheit wirklich wert ist sich darüber aufzuregen.
•    Sich zu fragen, ob sich die Aufregung überhaupt lohnt, wenn denn doch morgen schon alles vergessen sein wird, außerdem hätte alles doch noch viel ärger kommen können…
•    Körperliche Bewegung lässt mich meist gelassener auf die Dinge schauen.
•    Ein Wechsel des Standpunktes mit der Sicht auf die Dinge, die mich verärgern und wütend machen – so ein Perspektivenwechsel hilft immer.

Behaltet eure Wut im Griff, bevor euch die Wut im Griff hat, denn ein nutzbringender Umgang mit der Wut ist erlernbar und das fühlt sich dann aber so was von einem befreienden, kraftvollen, leidenschaftlichen GUUUUT in unserem Leben an.

Anfangspunkt

Ohnmacht züchtet Wut.
© Else Pannek (1932 – 2010), deutsche Lyrikerin

 

und

 

Hass ist eine Krebsversion von Wut.
© Andrea Mira Meneghin (*1967)

Das Ergebnis kreiselnder Gedanken

Der Zornige wird gegen sich selbst wütend,
wenn er zur Vernunft zurückgekehrt ist.
Publius Syrus (wahrscheinlich 90 – 40 v. Chr.), eigentlich Publilius Syrus, römischer Moralist, Aphoristiker und Possenschreiber

 

Denn

 

Wo der Verstand aufhört, beginnt die Wut.
Deshalb ist Wut ein Zeichen von Schwäche.
© Dalai Lama (*1935) eigentlich Tenzin Gyatso, 14. geistiges und politisches Oberhaupt der Tibeter (Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis Seiner Heiligkeit)

Wenn es hilft …

Wenn du wütend bist, zähl bis vier.
Bist du außer dir vor Wut, fang an zu fluchen.
Mark Twain (1835 – 1910), US-amerikanischer Erzähler und Satiriker

 

oder

 

Vergiss nicht, wenn du wütend bist,
nichts zu tun, bevor du dir das Alphabet aufgesagt hast.
Voltaire (1694 – 1778), französischer Philosoph der Aufklärung, Historiker und Geschichts-Schriftsteller

Da ist was Wahres dran …

Die Geduld ist die Kunst, nur langsam wütend zu werden.
Aus Japan

 

folgernd

 

Die Eifersucht ist das äußerste,
was das Menschenherz an ohnmächtiger Wut
und Selbstverachtung aushalten kann.
Henri Stendhal (1783 – 1842), franz. Schriftsteller, Militär und Politiker; früher Vertreter des literarischen Realismus, Quelle: Stendhal »Über die Liebe (De l’Amour)«, 1822; erste deutsche Übersetzung von A. Schurig, Jena 1903

 

und

 

Triff nie eine Entscheidung, wenn du wütend bist!
© Werner Braun (1951 – 2006), deutscher Aphoristiker

 

aber

 

Sei mutig genug, traurig zu sein –
sei traurig genug, wütend zu werden –
werde wütend genug, mutig zu sein!
© Kathrin Bärbock (*1968), Regionalphilosophin und Küchentischreiberin

Bedenkenswert …

Die Menschen werden nach wie vor dasselbe tun,
und wenn du vor Wut platzest!
Marc Aurel (121 – 180), römischer Kaiser und Philosoph, hieß als Kaiser: Marcus Aurelius Antoninus Augustus

Das Maßhalten in der Balance

Jeder kann wütend werden, das ist einfach.
Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Maß,
zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck
und auf die richtige Art, das ist schwer.
Aristoteles (384 – 322 v. Chr.), griechischer Philosoph, Schüler Platos, Lehrer Alexanders des Großen von Makedonien

 

und

 

Man sollte keinen Menschen verurteilen,
weil er enttäuscht, beleidigt, traurig oder wütend ist,
wenn man nie in derselben Situation war.
© Janine Weger (*1985), deutsche Aphoristikerin

Humor – das Schlusswort zum Thema Wut

Die Mutter hat Anja zum zehnten Mal in Bett geschickt.
Wütend sagt sie:
„Wenn ich noch einmal das Wort Mami höre, dann knallt’s!“
Fünf Minuten später piepst es aus dem Zimmer:
„Frau Müller, könnte ich etwas zu trinken haben?“
Unbekannt

Ich wünsche euch
in euer Herz zu schauen
euch nicht vor eurer Wut zu fürchten
und das, was euch bewusst wird – zu genießen
herzlichst eure Ute Weiss-Ding